zurück

Die Zukunft unseren Kindern
(4. Ministerkonferenz zu Umwelt und Gesundheit, 23.-25.6.2004, Budapest)

Hanns Moshammer, Hans-Peter Hutter und Erik Petersen

Erik Petersen
Netzwerk Kindergesundheit und Umwelt
Frielinger Str. 31
28215 Bremen

Dr. Hans-Peter Hutter
Dr. Hanns Moshammer
Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt
ISDE Austria
Große Mohrengasse 39/6
A-1020 Wien
info@aegu.net
www.aegu.net


"Geschafft!" freuen sich Hanns Moshammer (NGO-Delegation) und Hans-Peter Hutter (Delegation des österreichischen Umweltministeriums) und Erik Petersen (NGO-Observer) über den Abschluss der WHO-Europa Konferenz der Umwelt- und Gesundheitsminister. Die Konferenzerklärung und der Aktionsplan zur Verbesserung von Umwelt und Gesundheit der Kinder in der Europäischen Region wurden unterzeichnet. Fast zwei Jahre hatten wir uns mit Tagungen und Deklarationen, Projekten und Sitzungen auf das große 5-Jahres Ereignis vorbereitet, das als Nachfolgekonferenz zu London 1999 heuer in Budapest stattfand.

MinisterInnen unter sich
Fürchten die "Mächtigen" oder die, die sich dazu zählen, das "Volk"? Die offizielle Ministerkonferenz tagte abgeschirmt im großen Konferenzzentrum beim "Novotel". Selbst die Gehsteige um das Konferenzzentrum durften nicht betreten werden, beim Eingang Kontrollen wie auf Flughäfen. Dann Rezeption, Ausstellungsfläche, Sitzungsräume für Nebenveranstaltungen. Vor dem "Allerheiligsten", dem Plenarsaal, noch einmal Einlasskontrolle. Im Erdgeschoss, dort wo die Mikrofone waren, nur gezählte und ausgeschilderte Sitzplätze. Oben am Balkon ein etwas lockerer Umgangston. Doch wer das Mikrofon wollte, hätte dies (und was er zu sagen begehrte) bereits bei der Anmeldung kundtun müssen. Da tat es gut, dass dort im Plenum ohnedies nichts mehr beschlossen wurde.
Die Deklaration und der Aktionsplan waren ja bereits vorher bis in (fast) jede Einzelheit ausgehandelt worden. Nur zwei eckige Klammern waren etwa im Entwurf der Deklaration noch übrig geblieben. Die eine bezog sich beispielsweise auf das Hintergrundpapier der WHO zum Vorsorgeprinzip: "Wir nehmen es [dankbar] zur Kenntnis." (im englischen Original: "we take note of / we acknowledge") - und auch diese Passage wurde nicht im Plenum endverhandelt, sondern in stillen Nebenräumen. Die endgültigen Wortlaute sind demnächst auf der WHO-Webseite (auch auf Deutsch) zu finden: www.euro.who.int/budapest2004.
Dennoch interessante Vorträge im Plenum. Die WHO hatte keine Mühe gescheut und Wissenschafter von Rang aufgeboten, die die Begründung für die empfohlenen Maßnahmen vermitteln sollten. Viele Sessel der Minister blieben allerdings leer; manch ein Staat ließ sich durch einen ranghohen Beamten vertreten. Welch ein Rückschritt gegenüber London 1999! Österreich machte hier eine rühmliche Ausnahme: Sowohl die Gesundheitsministerin Rauch-Kallat als auch Umweltminister Pröll waren wenigstens bei einem Teil der Tagung anwesend. Österreich war ja auch federführend gewesen beim Kinder-Aktionsplan. Da konnte man sich verdienter Maßen in der internationalen Anerkennung sonnen. Von deutschen Ministern war dagegen nichts zu sehen, ranghöchste Vertreterin war die Parlamentarische Staatssekretärin im BMGS Frau Caspers-Merk.

NGOs im Abseits
Wo es um Umwelt geht, dürfen Umweltbewegungen nicht fehlen. Was aber tun, wenn uns der Zugang zur "großen" Konferenz verwehrt bleibt? Die ungarische Regierung hatte großzügig Räume in einer Schule zur Verfügung gestellt. Nur 5 Straßenbahnstationen und eine Personenkontrolle von der Ministerkonferenz entfernt. Gelegentlich verirrten sich sogar hohe Beamte von dort zum Healthy Planet Forum. Andere wie die Umweltkommissarin Frau Wallström suchten die Begegnung mit den NGOs und so war eine Diskussionsrunde mit ihr Programmteil des Forums. Letztlich hatten viele NGO-Vertreter dann doch noch ein Ticket zur Ministerkonferenz ergattert, zumindest als "Beobachter" für den Balkon. Oder sie waren gleich von ihrer Regierung in die nationale Delegation aufgenommen worden. Hier haben sich neben Österreich beispielsweise auch die Schweiz und Belgien vorbildlich und großzügig gezeigt. Deutschland hatte zwar neben der finanziellen Unterstützung einer kleiner NGO-Delegation auch die Aufnahme eines NGO-Delegierten in die offizielle Delegation zugesagt, allein es klappte dann doch nicht aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen. Immerhin konnte im Vorfeld der Ministerkonferenz ein Austausch mit der PSt Fr. Caspers-Merk auf dem Healthy Planet Forum stattfinden.
Basisgruppen weitgehend unter sich: das musste schief gehen! Über 200 Delegierte aus West und Ost, Nord und Süd, mit verschiedenen Anliegen und Interessen. Die WHO-Europa-Region reicht ja bis an den Ural und das Kaspische Meer. Außerdem waren Vertreter aus Amerika, Afrika und Asien anwesend. Überraschend zahlreiche Teilnehmer angesichts der magerer finanziellen Unterstützung. Wenige Teilnehmer für die vielen geplanten Parallelveranstaltungen. Und diese Veranstaltungen noch quer im ganzen Gebäude verteilt, mit schlechter Beschilderung und mit kurzfristigen Programmänderungen. Immerhin waren die NGO-Veranstaltungen zu Phthalaten und umweltmedizinischen Fort- und Weiterbildungen sowohl von Seiten der Referenten als auch von Seiten der Workshop-Besucher sehr kompetent und mit 20-30 Teilnehmerinnen auch gut besucht (siehe Kästen).
Kurzum: Ein kreatives Chaos! Spannende Veranstaltungen (so man sie denn gefunden hatte) und hochwertige Diskussionen. Und diese gingen mit Sicherheit noch nach Veranstaltungsende in den Budapester Lokalen weiter, zu mal die lauen Abende nach einem Tag in Konferenzräumen die Sehnsucht nach frischer Luft noch verstärkten.

Phthalate: Eine Gefahr für die Neugeborenen?
Workshop der Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt (ÄGU) in Kooperation mit der European Academy for Environmental Medicine (europeam)
Healthy Planet Forum, 23.6.04, 9.00-16.00

Im Auftrag und finanzieller Unterstützung des österreichischen Umweltministeriums (Chemieabteilung) haben die ÄrztInnen für eine gesunde Umwelt (ÄGU) federführend den Workshop zum Beispiel der Phthalate: Eine Gefahr für die Neugeborenen? organisiert. Hochrangige Redner aus Schweden (Magnus Hedenmark), England (Vyvyan Howard), Deutschland (Kurt Müller und Peter Ohnsorge) konnten ebenso gewonnen werden wie Hans-Peter Hutter, Thomas Jakl, Bruno Klausbruckner, Michael Kundi und Andreas Lischka aus Österreich. Eine ganze Sondernummer des Ökobiotikum auf Englisch wurde als Tagungsband gedruckt.1
Phthalate sind als Weichmacher im PVC in der Umwelt so weit verbreitet, dass die Umweltlabors die größte Mühe haben, vernünftige Leerwerte zu bestimmen. Erst seit man die wesentlichen Stoffwechselprodukte der Phthalate im Harn nachweisen kann, entdeckte man, dass wir offenbar viel mehr davon aufnehmen, als zuvor angenommen. Über 10 % der Erwachsenen in Deutschland nehmen mehr auf, als Toxikologen für vertretbar erachten. Bei den Kindern dürfte die Aufnahme je kg Körpergewicht noch höher liegen.
Die Toxikologen wissen aus Tierversuchen, dass manche Phthalate nicht sonderlich gesund sind. Lokal können sie Entzündungen auslösen, dann zeigen sie hormonelle Aktivität, und die Nagetiere bekommen auch noch Krebs. Kein Grund zur Sorge! Wer sorgt sich schon um das Wohl von Ratten? So argumentiert jedenfalls die Industrie und produziert munter weiter. Wie es den Menschen mit dem Zeugs geht, ist noch kaum erforscht. Einige wenige Hinweise auf Schäden gibt es aber doch schon aus epidemiologischen Studien. Die Umweltschutzorganisationen haben seit Jahren schon den Ausstieg gefordert. Wiener Spitäler zeigen nun, wie es geht. Und Österreich war endlich mal wieder Vorreiter bei der Gesetzgebung: Gemeinsam mit skandinavischen Staaten wurden Phthalate in Kinderspielzeug verboten. Die EU hat nachgezogen. Doch es geht nicht nur um Phthalate: Die sind nur ein Beispiel dafür, wie gedankenlos wir mit Stoffen umgehen, deren Gefahren wir nicht einmal noch kennen.
1 Tagungsband "The Example of Phtalates" erhältlich über ÄGU


Kinder und ihre Umwelt
Zurück zur Ministertagung: Abseits des Plenums gab es spannende Veranstaltungen. Ein Highlight war die Vorkonferenz der europäischen Umweltagentur und der WHO Europa: Kinder und ihre Umwelt - gefährdet und empfindlich. Zeit zum Handeln. Wissenschafter aus Europa und Amerika berichteten den ganzen Tag über ihre Forschungsergebnisse zur Krebsentstehung und zu hormonellen Störungen, zur Ungleichverteilung von Belastungen und Schäden und zu den Folgen der Umweltbelastung. Doch auch die Konsequenzen für Politik und Verwaltung kamen nicht zu kurz. Wichtiges Thema war etwa auch Der Europäische Aktionsplan Umwelt und Gesundheit 2004-2010 der EU-Kommission. Als Redner geladen waren auch Mitglieder der International Society of Doctors for the Environment (ISDE): Vyvyan Howard (Liverpool) und Lilian Corra (Buenos Aires). Viele weitere Freunde und alte Bekannte beteiligten sich an den hitzigen Diskussionen.

Zwischen den Türen
Hatte man die erste Sicherheitskontrolle glücklich überwunden und getraute man sich (noch) nicht in die heilige Plenarhalle, so landete man gleich im bunten Treiben einer "Umweltmesse", die dem Chaos bei den Bürgerinitiativen um nichts nachstand. Italien protzte da mit einem Doppelstand, um (nachdem es mit den Engländern zusammen jedes konkrete Ziel aus dem Aktionsplan herausreklamiert hatte) sich als Umweltmusterland zu präsentieren. Deutschland stellte neben dem bundesweiten Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit (APUG) auch das Landes-APUG Nordrhein-Westfalen und Aktivitäten des LGA Baden-Württemberg vor. Groß und zentral gelegen war auch der Stand der Europäischen Kommission mit zahllosen Informationsmaterialien.
Auch die Umwelt-NGO-Koalition vertreten durch ihre Protagonisten European Public Health Alliance (EPHA) und Women in Europe for a Common Future (WECF) hatten jeweils ihren kleinen bunten Stand am Rand des großen Treibens. Die Mitarbeiter der EPHA wirkten allesamt etwas übernächtigt. Hatten sie doch jede Nacht die Ereignisse des vorhergehenden Tages in einer eigenen recht gut gemachten Konferenzzeitung Healthy Planet News aufbereitet und kommentiert. Keine Konferenz ohne NGO-Aktion: Medienwirksam gruppierten sich Frauen und Mädchen um eine Mutter mit Kleinkind und verteilten die Botschaft "Stop Polluting Our Children!" auf T-Shirts und Buttons, die reißenden Absatz fanden und hinterher auf so manchen Anzügen prangten.
Österreichs Stand lag klein und bescheiden etwas am Rand, aber strategisch günstig nahe der großen Ausstellungsfläche der WHO. Das Schul-Mobilitäts-Projekt wurde da etwa als Beitrag Österreichs zum Aktionsplan präsentiert. Dieses Projekt wurde kürzlich erst in Graz mit Fest und Tagung aus der Taufe gehoben (näheres unter www.schoolway.net). Rechtzeitig für Budapest war die Broschüre "Gesunde Umwelt für unsere Kinder" erschienen. So schnell war sie vergriffen, dass nun die zweite Auflage geplant ist. Mehrere Ministerien (unter Führung des Umweltministeriums) haben sie herausgegeben, Umweltorganisationen und Universitäten waren eingebunden.

Hoher Besuch

War's der günstigen Lage zu verdanken oder den tollen Angeboten? Jedenfalls war der österreichische Stand fast zu eng für die zahlreichen hohen Gäste, die hier vorbei schauten. Minister und die EU-Umwelt-Kommissarin fühlten sich sichtlich wohl in der lauschigen Ecke. Die scheidende Umweltkommissarin Wallström war sicherlich die medienwirksamste Erscheinung der gesamten Konferenz, überall wo sie auftauchte, ballten sich die Leute zusammen und so mancher Delegierte war froh ein schönes Foto aus nächster Nähe erbeutet zu haben. Hoffentlich lesen unsere Politiker auch die Materialien, die sie so fotogen in die Kamera halten!

Taking action – teaching environmental health in Europe
Workshop organised by the German Network on Children’s Health and Environment and the German section of ISDE (OeAeB)
Healthy Planet Forum, 24.6.2004

9.00-9.15 Erik Petersen (German Network on Children’s Health and Environment and OeAeB): Introduction and moderation
9.15-9.30 Dr. Stephan Boese-O´Reilly (German Network on CEH): Upgrading paediatric nurses in preventive and environmental health in Germany
9.30-9.45 Dr. Bettina Menne (WHO-Euro, Rome, Italy): Existing training activities within WHO-Euro – overview.
9.45-10.00 Dr. Peter Ohnsorge (European Academy for Environmental Medicine): Training physicians in clinical environmental medicine in Western Europe
10.00-10.15 Dr. Lilian Corra (ISDE Argentinia): ISDE school of environmental health in Arezzo Italy
10.15-10.30 Dr. Peter van den Hazel (INCHES, Arnhem, the Netherlands): EU project – CHEST – to develop training modules for CEH in Europe.
10.30-10.45 Dr. Jenny Pronczuk (WHO Geneva): Training health care providers to become champions on children’s environmental health worldwide
10.45-11.00 break
11.00-11.15 Peter van den Hazel/ Lilian Corra: How to coordinate the existing and planned activities
11.15-12.00 How to strengthen and promote environmental health training in Europe (discussion of all participants and the audience)


Introduction into the practical environmental medicine: trained physicians start earlier to prevent
Workshop organized by the European Academy for Environmental Medicine (EUROPAEM) and the German Professional Organisation of Physicians for Environment (dbu)
Healthy Planet Forum, 24.6.2004

Moderation: Rainer Guettler (Germany)
13.00-13.30 Prof. Rainer Frentzel-Beyme (UFT, University Bremen, Germany)
Epidemiological evidence and progress in risk assessment Epidemiological studies
13.30-14.00 Dr. Frank Bartram (European Academy of Environmental Medicine/ dbu, Weissenburg, Germany)
Medical history in environmental medicine
14.00-14.30 Dr. Kurt E. Müller (European Academy of Environmental Medicine/ dbu, Isny, Germany)
Human biomonitoring focussing on environmental induced illnesses
14.30-15.00 Dr. Peter Ohnsorge (European Academy of Environmental Medicine/ dbu, Würzburg, Germany)
New and proven therapies in environmental medicine
15.00-15.45 Roundtable and Discussion